Der Schieferbergbau Lehesten

Die primitiven Anfänge

Die primitiven Anfänge des Schieferbergbaues in Lehesten finden sich mit Sicherheit schon vor dem 13. Jahrhundert. Zu dieser Zeit besaßen die Menschen noch kein spezielles „Gezähe“, die Werkzeuge eines Bergmanns, um die an die Erdoberfläche ausstreichenden Schieferlager bergmännisch gewinnen zu können. Diese Lagerspitzen waren allerdings nach tausenden von Jahren verwittert und dadurch auch mit einfachen Werkzeugen aufzuteilen. Je mehr man in Tiefe ging, umso besser wurde auch die Qualität des Gesteins. Die Schieferknechte entwickelten im Zuge der voranschreitenden Metallurgie Werkzeuge aus gehärtetem Eisen, die ihre Arbeit wesentlich erleichterten. Die gewonnen Gesteinsplatten wurden noch vor Ort aufgespalten und nach Bedarf verkauft. Für den Transport musste der Käufer sorgen.

Die Arbeit in den Schieferbrüchen war unvorstellbar hart und mühselig. Man geht davon aus, das die Wiege des Thüringer Schieferbergbaues im Alten Haw am Unnütz, in der heutigen Gemarkung des Thüringer Schieferparks Lehesten, lag. Im 13. Jahrhundert war die Produktion von Dachschiefer in den Schieferbrüchen schon soweit gediehen das man in der Lage war, diese Ware auch in größeren Mengen zu verkaufen. Nutznießer waren vor allem die Gebietsherren des Saalfelder Benediktinerklosters, die ihre Kirchen und Repräsentationsbauten mit dem langlebigen und Feuerschutz bietenden Schiefer eindeckten. Ein erster urkundlicher Beleg für die Ausweitung des Handels findet sich in einer Amtsrechnung aus dem Jahr 1485 zum Schlossbau in Teuschnitz. Dort sind 47 Fuhren Schiefer aus Lehesten nachweisbar.

In dieser Zeit hatte man längst die wirtschaftliche Bedeutung des Schiefers erkannt und ging beim Abbau in den Brüchen strukturierter und damit effektiver vor. Bevor Schwarzpulver zum Einsatz kam, mussten die Arbeiter mit „Schlägel und Eisen“ einen dreiseitigen Schlitz bis zu zwei Meter in das Gebirge treiben, um danach die Schieferplatten aus dem Gestein möglichst schonend herauszuspalten. Die anfallende Schutte und die Dachschiefer, die im Bruch gleich gefertigt wurden, mussten mit Kiepen herausgetragen werden. Diese Arbeit wurde vorwiegend von Frauen und Kindern bewältigt!

Da der Abbau des Schiefers in den Brüchen witterungsabhängig war und durch das Einfließen von Oberflächenwässern sehr beeinträchtigt wurde, begann man auf den tiefsten Sohlen Entwässerungsstollen in den Fels zu schlagen, um eine über das Jahr längere Arbeitszeit zu ermöglichen. Diese unproduktiven Arbeiten waren erst möglich, nachdem sich im 16. Jahrhundert die Besitzverhältnisse änderten und zunehmend vermögende Schieferherren die einzelnen Brüche übernahmen. 1535 erwarb z.B. Nicol Breunig das „Bergwerk“ und führte es für Lehesten offensichtlich sehr erfolgreich sodass er ab 1559 sogar als Schultheiß die Geschicke des Ortes lenken konnte. Der wertvolle Schiefer wird nun wichtigstes Handelsgut und die beschwerlichen Transporte mit Pferdefuhrwerken gingen bis Saalfeld, Erfurt, Heldburg, Wien, Würzburg, Frankfurt a.M. und sogar an die Nordseeküste.

Ab dem 17. Jahrhundert

Bereits 1648 gründete sich in Lehesten die erste Schieferdeckerinnung und der Fuhrwerksstand wurde 1698 mit einem eigenen Privileg versehen. Im 17. Jahrhundert begannen die Eigentümer sich mit Geldgebern zusammenzuschließen und es entstanden die wirtschaftlich orientierten Gewerke und Gewerkschaften, deren Jahresproduktion bei etwa 900t Dachschiefer und um 100 000 Schiefertafeln gelegen hat. Die Schiefertafeln wurden in den Wintermonaten in Heimarbeit mit der ganzen Familie angefertigt. Im Jahr 1792 besuchte Alexander von Humboldt den „Alten Bruch“ (heute Bruch 1) in Lehesten und berichtet von einem 40 Meter tiefen Bruch, in dem 50 Schieferknechte beschäftigt waren. Der sachgemäße Abbau des anstehenden Schieferlagers erforderte trotz seiner anscheinenden Einfachheit spezielle geologische und bergbauliche Kenntnisse. Offensichtlich besaßen die hiesigen Gewerke diese nicht, da ihre Produktion stets zurückging.

Den besonderen Wert des Schieferbruches erkannte 1805 die Herzogliche Regierung zu Saalfeld – Coburg und erwarb alle Anteile. Damit wurde der Bruch in staatliche Obhut gegeben und nannte sich „Herzoglicher Schieferbruch zu Lehesten“. Es wurden fachlich versierte Beamte platziert, die mit ihren Kenntnissen die Produktion wieder steigern konnten. Die hiesigen Schieferknechte waren jedoch weiterhin die Verlierer, die mit wenig Lohn für harte Arbeit honoriert wurden. Das führte 1807 zu ersten Unruhen in der Arbeiterschaft Lehestens.

Hochkonjunktur

Der technische Fortschritt der industriellen Revolution beeinflusste ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch wesentlich die Modernisierung in der Gewinnung und Verarbeitung des Schiefers. Erste Göpelförderungen kamen zum Einsatz, Gleisanlagen mit Hunten und Dampfloks dominierten im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmend das Erscheinungsbild auf den Gewinnungssohlen und begünstigten letztendlich die umfangreichen Abraum- und Schuttetransporte. Das war auch notwendig, denn die Nachfrage nach Dach- und Wandschiefer bewegte sich auf ihren Höhepunkt zu. 1846 bestanden im Raum Lehesten weitere 15 kleinere Schieferbrüche, die mit noch bescheidenen Produktionsmitteln an diesem Aufschwung teilhaben wollten. Aufgrund des Profitstrebens war allerdings die soziale Lage der Arbeiter katastrophal und es kam 1848 zum 2. Aufstand in Lehesten, an dem sich breite Teile der Bevölkerung beteiligten.

Blick in den offenen Staatsbruch, 1930er

In dieser Zeit reichten die heimischen Arbeitskräfte nicht mehr aus und es wurden vorwiegend Arbeiter aus oberfränkischen Raum angeworben. Um 1857 beschäftigten die Herzoglichen Schieferbrüche Lehesten bereits 203 fränkische Schieferwerker. Ihnen standen 79 lokale Arbeiter entgegen. 1877 war die Zahl der Beschäftigten bereits auf 586 angewachsen. Mit dem nahe gelegenen und starken Konkurrenten „Karl Oertel“, welcher den Oertelsbruch bei Schmiedebach als Privatmann betrieb, stieg die Beschäftigtenzahl auf fast 2.000 Arbeiter in den Brüchen. Anfang der 1850er Jahre erhielt nach strategischem Kalkül die Deutsche Reichsbahn großzügige Unterstützung durch Karl Oertel, um ihre Planungen und Bautätigkeiten auf einen Bahnanschluß nach Lehesten zu sensibilisieren. Die Firma Oertel unterstützte dieses Vorhaben mit 300.000 Goldmark.

1858 konnte diese Strecke zwischen dem fränkischen Ludwigsstadt und Lehesten eingeweiht werden. Die Brüche „Karl Oertel“ und der „Herzogliche Schieferbruch“ erhielten je einen eigenen Bahnanschluß und konnten damit ihre Vertriebstätigkeit enorm erhöhen. Ironischerweise endete um 1900 die große Nachfrage für Dach- und Wandschiefer und brach um fast 25% des Gesamtabsatzes ein. Der „Herzogliche Schieferbruch Lehesten“ wurde 1920 in den Besitz das Landes Thüringen übertragen, fortan als Staatsbruch bezeichnet und hatte danach mehrfach politische Krisen, bedingt auch durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges, zu überstehen.

Ein stetes Auf und Ab

Der große sechswöchige Schieferbergarbeiterstreik 1928 ging in die regionale Geschichte der Arbeiterbewegung ein. Die krisengeschüttelten Jahre bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges bescherten dem Schieferbergbau ein ständiges Auf und Ab. Zwischen 1943 – 1945 begann das NS-Regime ihre Rüstungsprojekte in die untertägigen Grubengebäude im Oertels- und Staatsbruch zu verlagern. Im Oertelsbruch entstand eine Testanlage für Triebwerke der V2. Als billige Arbeitskräfte wurden Häftlinge aus dem KZ Buchenwald Weimar eingesetzt. Es entstand das KZ – Außenlager „Laura“ bei Schmiedebach. Im Staatsbruch sollte eine Spezialglasproduktion (Panzerglas) von der Fa. Schott Jena installiert werden, die jedoch nicht mehr fertiggestellt wurde.

Nach Ende des Krieges gingen beide Schieferproduzenten 1946/48 in Volkseigentum über und firmierten ab 1952 als „VEB Schiefergruben Lehesten“. 1964 kam es zum Zusammenschluss zu den „Vereinigten Thüringischen Schiefergruben Unterloquitz“ (VTS) mit Sitz in Unterloquitz. Dies geschah auch aus politischen Gründen, denn Lehesten befand sich nach der Grenzschließung zur BRD 1961 im immer strenger bewachten und reglementierten Grenzsperrgebiet. Ein Besuch oder eine Einreise konnte nur nach Antrag und Prüfung durch das Volkspolizeikreisamt erfolgen. Das betraf natürlich auch die oberfränkischen Schieferarbeiter.

Die von diesem Zeitpunkt an fehlenden ausgebildeten Schieferarbeiter aus den fränkischen Orten bekamen für Lehesten noch einen Sonderstatus bis September 1961. Dieser Status wird regional auch als „Das Loch im eisernen Vorhang“ bezeichnet. Der Betrieb organisierte sich um und begann eigene Hauer und Schieferwerker im Ausbildungszentrum im Oertelsbruch/Schmiedebach auszubilden. Die Werbung hierfür erstreckte sich in ganz Thüringen. Im Jahr 1963 erlitt die untertägige Gewinnung einen schweren Rückschlag, als bei zwei Grubenunglücken neun Kumpel ihr Leben verloren. Der jüngste Unfall mit Todesfolge ereignete sich bedauerlicherweise 1998 in der Grube Lehesten.

Die Gewinnung des Schiefergesteins hatte in den Nachkriegsjahren recht ordentliche Ergebnisse indem Tagebauerweiterungen, vor allem im Bruch 2 und die Untertageförderung für guten Rohstein in der Verarbeitung zu Dach- und Wandschiefer sorgten. Die Qualitätssorte 1 entwickelte sich zu einem Exportschlager in das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet. Mit Auflassung der Tagebaue veränderte sich das wirtschaftliche Verhältnis vom Aufwand zum Nutzen dramatisch, sodass man planmäßig 1978 die Schieferproduktion in Lehesten einstellen wollte. 1974 fassten allerdings „Partei und Regierung“ in bedeutsamen Beschlüssen, dass die DDR Industrie alle einheimischen Rohstoffreserven besser nutzen muss. In dieses Programm wurde auch der exportträchtige Dach- und Wandschiefer einbezogen! Nun wurde Geld für weitere Erschließungen des untertägigen Schieferlagers bereitgestellt und die Produktion konnte mit wechselseitigen Ergebnissen weitergeführt werden.

Schicht im Schacht

Zeitweise fanden über 300 Beschäftigte über – und untertage Arbeit in den unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern im ziemlich autarken (Sperrgebiet) Betriebsteil Schieferbergbau Lehesten. Nach einigen Umstrukturierungen und Ausweichen auf andere artfremde Produktionen (Thioplaskonfektion, Plasteprofilbretter) wurde die Schieferherstellung in der Lehestener Grube planmäßig am 31. März 1999 eingestellt. Diese Entscheidung musste getroffen werden, da die verfügbaren Lagerstätten weitestgehend abgebaut waren und eine kostendeckende Produktion unter marktwirtschaftlichen Bedingungen ausschloss. Wechselnde Eigentumsverhältnisse über die Treuhandanstalt nach 1990 mit insgesamt zwei Gesellschaften bis 2002 brachten keine Perspektive und Stabilität. Heute sind die entscheidenden damaligen Produktionsstätten auf dem Staatsbruch in das Eigentum der Stiftung „Thüringischer Schieferpark Lehesten“ überführt, die mit bescheidenen finanziellen Mitteln dieses über 800jährige Industriekulturerbe Thüringens für die Nachwelt erhalten will.